Turnfest 1987

Gesamt-Berlin begeht 1987 das 750-jährige Stadtjubiläum, doch jede Stadthälfte feiert auf ihre den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen entsprechende Art. Unter dem Motto „Turnen verbindet uns in Berlin“ wird in Berlin-West das Deutsche Turnfest gefeiert, der Turnfestrhythmus dafür extra um ein Jahr verkürzt. Die Anziehungskraft des Festes übertrifft alle Erwartungen, der Teilnehmerrekord von 119.400 Turnerinnen und Turnern hat bis heute Bestand. Inzwischen sind davon fast zwei Drittel Frauen. Das bunte Programm demonstriert nachhaltig die Vielseitigkeit und Bedeutung des allgemeinen Turnens und der verschiedenen Sportarten im DTB.
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Die Organisatoren des DTF erwarten Ende 1983 etwa 65.000 bis 80.000 Teilnehmer/innen. Das OK wird schließlich mit Anmeldungen förmlich überflutet, Logistik und Organisation zu einer besonderen Herausforderung: ca. 95.000 Turnerinnen und Turner werden in Massenquartieren untergebracht (370 Schulen / 7.425 Klassen), 5.000 Privatquartiere zur Verfügung gestellt; 85.000 Teilnehmer mit Frühstück versorgt, 29.000 Mittagessen in den Messehallen ausgeteilt, 40 Sonderzüge werden eingesetzt, 1.000 Busse und 10.000 PKW.

Die Eröffnungsfeier findet am 31. Mai im Olympiastadion statt. Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnet als Schirmherr das Fest. Noch als Regierender Bürgermeister von Berlin-West hatte er 1983 die Bewerbung um die Ausrichtung des DTF anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins angeregt. Begeisterung und Turnfeststimmung übertragen sich mit der „la-ola“-Welle im Stadionrund – adaptiert von der Fußball-WM in Mexiko 1986.

Allein 52.000 Aktive nehmen in 13 Altersklassen am beliebten Wahlwettkampf teil, 790 Vereine am Deutschen Vereinsturnen, ca. 450 Vereine an den Vereins- und Lehrvorführungen. Die Turnspiele verzeichnen ebenso einen Teilnehmerrekord, 1.500 Volleyball-Mannschaften, 26 Indiaca-Teams sind nur ein Beispiel. Die Deutschen Meisterschaften im Gerätturnen finden in stets ausverkauften Hallen statt. 90.000 Turnerinnen und Turner gestalten den Festumzug, 10.000 beteiligen sich an der Abschlussveranstaltung.

Familien und Gastgeber werden verstärkt als Zielgruppen entdeckt. Vor allem für Familien mit Kleinkindern soll die Teilnahme attraktiver werden. Ausgewählte Schulen werden speziell als Familienunterkünfte hergerichtet, auf dem Messegelände gibt es erstmals einen Familientreff und eine Kinderstube für die Betreuung der Kleinsten. Die Turnerjugend wirbt mit Straßenaktionen in allen West-Berliner Bezirken für das Turnen, Mitmachangebote von Vereinsgruppen sowie in unterschiedlichen Sportarten animieren und aktivieren die Bevölkerung.

Mit der erstmaligen Verleihung der Flatow-Medaille würdigt der DTB die jüdischen Turner, die während der NS-Zeit ausgeschlossen, verfolgt und ums Leben gebracht worden waren. Die Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow waren erfolgreiche Teilnehmer bei den I. Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen und gehörten zu den ersten deutschen Olympiasiegern. Beide jüdischen Turner werden Opfer des nationalsozialistischen Terrors und sterben 1942 bzw.1945 im Konzentrationslager Theresienstadt.

Zum Abschluss des Festes erhalten alle 4.810 teilnehmenden Vereine einen Eichensetzling geschenkt, der zu Hause als mitwachsende Erinnerung das Berliner Erlebnis immer wieder ins Gedächtnis zurückruft.

Auch in der DDR wird 1987 das Turn- und Sportfest gefeiert, allerdings nicht in Berlin, sondern traditionell vom 27. Juli bis 2. August in Leipzig. Anlässlich der 750-Jahrfeier findet in Ostberlin jedoch ebenfalls ein großer Festumzug statt, an dem sich auch Turner und Sportler mit ihren Schaubildern und Vorführungen beteiligen.

Die Turn- und Sportfeste in der DDR werden von 1954 bis 1987 insgesamt achtmal in Leipzig veranstaltet. Basierend auf den deutschen Turnfesttraditionen vor 1945 werden sie als Fest und Demonstration der Leistungsstärke der gesamten Sportbewegung der DDR durchgeführt. Ab 1977 sind die Kinder- und Jugendspartakiaden fester Bestandteil. Tausende Sportlerinnen und Sportler und sportbegeisterte Gäste gestalten und erleben sie als einen besonderen Höhepunkt, der zudem die Sportentwicklung in der DDR nachhaltig beeinflusst. Andererseits sind sie Teil der Sportpolitik der DDR, unterliegen der ideologischen Einflussnahme des Staates und transportieren seine Politik und Ideologie.