Turnfest 1968

Nach über 100 Jahren kehrt die deutsche Turnbewegung mit ihrem Turnfest 1968 an ihren Ursprungsort zurück. Trotz Kaltem Krieg, schwieriger Einreisebedingungen und unangenehmer Transitkontrollen kommen 68.000 Turnerinnen und Turner aus 3.520 Vereinen nach West-Berlin und erleben ein junges, modernes Fest, das Breiten- und Leistungssport vereint, aber u.a. mit Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze auch die gesellschaftlichen Widersprüche in der Bundesrepublik spiegelt.
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Zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jh. wird in Berlin an einer Gesamt-Berliner Bewerbung um die Olympischen Spiele 1968 gearbeitet. Diese Idee scheitert jedoch bereits im Mai 1963 durch journalistische Indiskretion. Als „Ersatz“ dafür bewirbt sich West-Berlin um das 23. Deutsche Turnfest 1968 und erhält im März 1965 dafür vom Hauptausschuss des DTB den Zuschlag. Diese Entscheidung ist nicht ohne Risiko, denn in der Zeit des Kalten Krieges gibt es keine Garantie, dass das Fest wie geplant stattfinden kann.

Der Präsident des DTB H. Präder kommentiert das „Berliner Risiko“ wie folgt:  „Auch ein ausgefallenes Deutsches Turnfest in Berlin wäre ein Erfolg für die Turnerei, weil sie den Mut zum Risiko aufgebracht und weil sie zum historischen Auftrag gestanden hat. Ein ausgefallenes Fest in der alten Reichshauptstadt wäre sogar ein größerer Erfolg als ein durchgeführtes.“ Aber diese Befürchtungen werden nicht Realität.

Unter dem Motto „Breiten- und Leistungssport neben- und miteinander“ demonstrieren zehntausende Turnerinnen und Turner ihre Verbundenheit mit der geteilten Stadt und beweisen nachdrücklich, dass sie bei aller Traditionsverbundenheit für Neues aufgeschlossen sind. 

Die Jugendlichen stellen die größte Gruppe unter den Teilnehmern (60 %) und erstmals finden Deut­sche Meisterschaften (z.B. Kunstturnen, Gymnastik) im Rahmen eines Deutschen Turnfestes statt. Der Turnfest-Wahl-Wettkampf für alle Altersstufen – heute der beliebteste und größte Wettkampf der Breitensportler beim Turnfest - hat seine erfolgreiche Premiere, unterstützt von IBM-Computern, die allerdings nicht immer richtig von den Menschen gefüttert werden. Premiere hat auch die Wettkampf-Gymnastik (Rhythmische Sportgymnastik) und es gibt erstmalig einen eigenen Programmteil „Frauenarbeit im DTB“. Ihre Mitgliederzahl hat sich inzwischen auf über 50% erhöht.

In der Hasenheide verlangt der frühere Jugendwart J. Dieckert vor über 15.h000 Turnfestgästen das Jahnbild zu reformieren, er fragt provozierend: „Wie verhält sich die Jugend — befördert sie die Jahnbüste in die Rumpelkammer oder in einen Anti­quitätenladen als Anzahlung für ein neues Trampolin?" Wenn ja, dann ist „die Jugend nicht gegen Jahn, sondern gegen die Jahnbüste; nicht gegen den Gründer des Tur­nens, sondern gegen den Autoritätsan­spruch im Namen des Turnvaters".

Trotz stimmungsvoller Eröffnung am Schöneberger Rathaus, vielfältigem Turn- und Sportprogramm, zahlreichen Lehr- und Schauvorführungen, Schauturnen mit internationalen Gästen, einem bunten Programm im Olympiastadion, exotischer Wettbewerbe wie Mattenspringen am Teufelsberg, einem spannenden Rahmenprogramm mit Ausstellungen, einem Fotowettbewerb, Kunst- und Kulturveranstaltungen und dem Festumzug am Schlusstag in zwei Abteilungen durch das Stadtzentrum von West-Berlin will der Funke des Turnfestes nicht im erwarteten Umfang auf die Berliner Gastgeber überspringen. Die Turnfestteilnehmer bleiben überwiegend unter sich.

1968 ist zudem ein Jahr des ge­sellschaftlichen Umbruchs, die Studentenunruhen und Proteste der jungen Generation für ihre politischen Utopien manifestieren sich insbesondere in West-Berlin. Das Turnfest wird von Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze begleitet. „Frisch - fromm - fröhlich - tot: auch Turner sind gegen den Notstand!" Mit dieser Parole werden die Turnfestteilnehmer in Berlin nachdenklich gestimmt.