Dies Wiege des Turnens (1811)

Auf dem Turnplatz in der Hasenheide, den Jahn auf eigene Kosten und in gemeinsamer Arbeit mit seinen Schülern vom Berlinisch-Köllnischen Gymnasium und der Plamannschen Anstalt einrichtet, ertüchtigen sich schon nach kurzer Zeit regelmäßig mehr als 300 Schüler, später auch Erwachsene vor allem aus dem bürgerlichen Milieu und Studenten. Mädchen und Frauen gelten damals als nicht gesellschaftsfähig und bleiben davon ausgeschlossen. Bereits 1812 wird der Turnplatz auf ein größeres Areal am Ostrand der Hasenheide verlegt.

Die Gründungsphase der deutschen Turnbewegung ist eng verbunden mit der Nationalbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Einheit und Freiheit Deutschlands. Die Überwindung der Standesgrenzen, die Wehrhaftmachung der männlichen Jugend für den Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft und eine allseitige harmonische Bildung des Menschen sind die Hauptziele der „Deutschen Turnkunst“.

Die Männer in der Hasenheide adaptieren das Übungsgut der insbesondere von J.Ch.F. GutsMuths ausgebildeten philantropischen Gymnastik. Sie entwickeln Kletter- und Übungsgeräte weiter, führen den Barren und das Reck ein, die in ihrer Grundform bis heute erhalten geblieben sind. Der Begriff des Turnens wird von Jahn geprägt und in die deutsche Sprache eingebracht.

Die Übungen auf dem Turnplatz sind vielfältig: Gerätübungen, Klettern, Spiele, leichtathletische Übungen; auch Schwimmen, Fechten, Wandern gehören von Beginn an zum Turnen. Um die Kosten für Material und Geräte zu erwirtschaften werden Beiträge erhoben und als Vorform eines Vereinsausweises lederne Turnmarken ausgegeben. Es wird eine einheitliche Turnkleidung aus grauem ungebleichtem Leinen eingeführt, die dauerhaft, wohlfeil ist, alle Bewegungen ermöglicht und zudem alle äußerlich sichtbaren Standesunterschiede aufhebt. Turn- und Verhaltensregeln der Turnordnung gelten für alle Turner gleichermaßen.

Im Zuge der nach den Befreiungskriegen einsetzenden Restaurationspolitik und Demagogenverfolgungen verbietet die preußische Regierung im Frühjahr 1819 die Wiederaufnahme des Turnbetriebes in der Hasenheide. Jahn wird im Juli 1819 verhaftet, der Turnplatz geschlossen, die Turngeräte werden versteigert. Ab 1820 ist das öffentliche Turnen in Preußen und anderen deutschen Städten endgültig verboten (Turnsperre). Jahn bleibt bis 1825 in Haft, muss anschließend Berlin verlassen und steht bist 1840 unter Polizeiaufsicht. Zahlreiche demokratische Turner und Jahnschüler emigrieren ins Ausland und verbreiten die „Turnerei“ in vielen Ländern.

Leibesübungen sollen nach dem Willen der damaligen preußischen u.a. Regierungen künftig aller turnerischen Gebräuche und Begleitumstände, die die Jugend politisieren würden, entkleidet und als „Nur-Leibesübungen“ unter der alleinigen Regie des Staates als Schulgymnastik geduldet werden. Erst 1842 lässt der preußische König zu, dass in der Öffentlichkeit wieder geturnt werden darf. Danach entsteht in Deutschland eine starke Turnbewegung mit einer unüberschaubaren Zahl von Turnvereinen, aus der sich schließlich unter Einfluss des englischen Sports die heutige vielschichtige Turn-, Spiel, und Sportkultur entwickelt.